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Worldbuilding: Die Methode der Teilwelten

Wie erschafft man komplexe Storywelten für Serien und Filme? Eine praxisorientierte Topografie des Dramas am Beispiel einer fiktiven Krankenhaus-Serie.

Die These

Für jeden Film und jede Serie erschaffen wir eine ganz eigene Welt. Das passiert unabhängig davon, ob wir uns diesen Prozess bewusst machen und die Welt aktiv gestalten oder ob dies intuitiv oder nebenbei abläuft. Dabei reden wir immer von einer Welt. Doch ein zentrales Geheimnis des Worldbuildings liegt darin, diese Welt nicht nur als Ganzes zu betrachten. Viel hilfreicher ist es, sie als Komposition zu verstehen und möglichst früh nach einzelnen „Bezirken“ oder „Bereichen“ zu suchen. Diese Teilwelten lassen sich unterschiedlich und im Kontrast zueinander gestalten. Erst dadurch wird die Welt insgesamt komplex und vielschichtig. Konflikte zwischen Figuren und mögliche Plots lassen sich oftmals einfach daraus ableiten.

Die Methode der Teilwelten eignet sich besonders bei der Entwicklung von Serien oder Mini-Serien. Sie bieten genug Erzählzeit, um mehrere Geschichten, ihre Figuren und Teilwelten ernst zu nehmen und parallel zu entrollen. Gleichwohl bereichert es meines Erachtens auch Einzelfilme, wenn die unterschiedlichen Teilwelten schlüssig entwickelt und mehr als eine Fassade im Hintergrund sind.

Vorbemerkung

Vorausgeschickt sei: Der Artikel behauptet das Denken in einer vorgegebenen Reihenfolge, obwohl es in der Praxis natürlich lockerer abläuft. Zudem ist die hier beschriebene Methode der Teilwelten nur ein einzelner Aspekt, herausgegriffen aus meinen verschiedenen Überlegungen zum Worldbuilding, die sich insgesamt zu einem größeren System zusammenfügen.

Brainstorming und Recherche

Beginnen wir eine Gedankenkette unter der Voraussetzung, dass es eine Idee für eine Geschichte gibt.

Seit Corona denken wir über die Situation von Pflegekräften nach und es wird höchste Zeit, eine Serie über Pflegekräfte zu entwickeln!

Zu einem solchen ersten Ansatz gehört in der Regel ein mehr oder weniger vages Setting, hier das Krankenhaus in der Gegenwart. – Zur Erläuterung: Setting meint den nackten Schauplatz zu einer bestimmten erzählten Zeit. Denn das Setting wird erst dann zu einer Welt, wenn es gefüllt ist mit individuellen Figuren und ihren Beziehungen, mit Kultur und Idealen, mit spezifischer Technik, mit Gesetzen usw. So weit. – Und da wir jetzt erst mal aus der Welt heraus denken wollen, bleiben wir vorerst beim Krankenhaus und stellen konkrete Anstrengungen, um Figuren und Plots zu entwickeln, für einen kurzen Moment hinten an.

Möglich bei der Suche nach Teilwelten ist auch, nicht vom Setting, sondern vom Sachthema auszugehen.

Um Teilwelten zu finden und daraus eine ganze Welt zu erschaffen, hilft zunächst ein einfaches Brainstorming: Welche Bereiche machen ein Setting grundsätzlich aus, sind also per se darin enthalten?

In einem Krankenhaus sind das der Empfang, die Notaufnahme, verschiedene Stationen mit Zimmern für Patient*innen und einem Bereich für Pflegekräfte, der Operationsbereich (OP), die Intensivstation und zumeist eine Cafeteria.

Möglich bei der Suche nach Teilwelten ist auch, nicht vom Setting, sondern vom Sachthema auszugehen. Bei einer ganz anderen Geschichte, sagen wir über Doping im Sport, wären dies eine Arztpraxis, Vereinsräume, die Welt der Funktionäre, der Wettkämpfe und vermutlich der private Wohnbereich der Sportler*innen, genauso die Welt der Dopingjäger und -tests.

Besonders inspirierend ist für mich, das Setting zusätzlich nach Teilwelten zu durchsuchen, die versteckter sind und deren Existenz nicht direkt auf der Hand liegt. Oft hilft dabei Recherche: in Nachrichten, Bauvorschriften, zeitgemäßen Bildern – u.U. auch genaue Anfragen bei ChatGPT.

In Krankenhäusern gibt es u.a. unbenutzte Nottreppenhäuser, einen Raum für die Toten, manchmal eine Großküche, einen Trakt für Privatpatient*innen, eine Kapelle und obligatorisch: der Raucherbereich im Park.

Im Rahmen der Dopinggeschichte kann es auch um einen Produktions- oder Laborbereich gehen, in der die Mittel illegal hergestellt werden, oder um die Teilwelt von Kurieren oder Shops, die sie transportieren und verteilen.

Wie auch der letzte Punkt, „Kuriere und Shops“, zeigt: Es geht bei dem Konzept der Teilwelten nicht zwingend um physisch vorhandene Räume oder Orte. Oft sind diese der Ausgangspunkt – wie das Stationszimmer im Krankenhaus. Manche Teilwelten lassen sich jedoch erst später wiedererkennbaren Locations zuordnen und dadurch filmischer gestalten. Vielmehr wird nach in sich relativ abgeschlossenen Lebensbereichen gesucht: Eine bestimmte Gruppe von Menschen begegnet sich regelmäßig aus einem besonderen Grund. Es herrschen spezifische, meist unausgesprochene Normen und eine bestimmte Atmosphäre, mit der sich die eine Teilwelt von den anderen unterscheidet.

So entstehen Bilder im Kopf und es ergibt sich eine Fülle von Möglichkeiten. Doch was davon ist wertvoll für die Geschichte? Das lässt sich nur mit einer Annäherung an Grundkonflikt und Thema entscheiden.

Auswahl der Teilwelten

Zentrale Fragen für diesen zweiten Schritt könnten sein: Welche starken Konfliktlinien stecken in meiner Sammlung? Welche davon hat das meiste Potenzial – und hier tauchen sie schon auf – auch für Konflikte zwischen den Figuren? Welche Konfliktlinie spricht mich am stärksten an? Welche entgegengesetzten Pole gehören dazu? Und wie könnten diese noch präziser herausgearbeitet werden?

Vielleicht geht es im Krankenhaus dann um einen Dualismus zwischen Privatpatientinnen und Chefarztbehandlung auf der einen – versus überarbeitetem Personal in Doppelschichten und überfüllter Notaufnahme auf der anderen Seite. Und vielleicht geht es auf der emotionalen Ebene um Selbstermächtigung – mit einer Pflegekraft auf Normalstation als mehr oder weniger fokussierter Protagonistin, die das Publikum durch die Geschichte führt. Dann könnten in Bezug auf die Welt der Trakt für Privatpatientinnen versus ein Stationszimmer in einer Abteilung mit besonders viel Stress zu zentralen Gegenwelten ausgebaut werden.

Wichtig ist die Fokussierung auf Thema und Grundkonflikt, damit alle Teilwelten zu einem Ganzen zusammenwachsen, das alle Elemente der Geschichte verbindet.

Um diese beiden kontrastierenden Zentren lassen sich weitere Teilwelten anordnen:

Zum Beispiel das schicke Chefarztzimmer auf der einen Seite und das schäbige Nottreppenhaus, in dem sich erschöpfte Mitarbeiter*innen heimlich austauschen auf der anderen. Außerdem – möglicherweise – die Kapelle als neutraler Ort in der Mitte.

Wichtig ist die Fokussierung auf Thema und Grundkonflikt, damit alle Teilwelten zu einem Ganzen zusammenwachsen, das alle Elemente der Geschichte verbindet.

Von der Teilwelt zur Figur

Wie gerade schon gesehen: Zu den verschiedenen Teilwelten lassen sich direkt Figuren assoziieren. Oder anders gesagt: Teilwelten sind Lebensbereiche und damit untrennbar mit ihrem Personal verbunden. Im dritten Schritt ist es deshalb hilfreich, für jede Teilwelt eine zentrale Figur zu finden bzw. auch die Figuren eines solchen Mikrokosmos in Haupt- und Nebenfiguren einzuteilen.

Bei unserer Krankenhaus-Sammlung wären als Protagonist*in für die verschiedenen Teilwelten bis dato naheliegend: die Chefärztin, der anspruchsvolle Patient auf der Privatstation, die Stationsleitung / Oberschwester Toni (57), die sich das System mit Doppelschichten nicht mehr gefallen lassen will, und der überarbeitete junge Pfleger Luis, der sich regelmäßig im Treppenhaus bei einer Kollegin ausweint.

Es ist müßig hinzuzufügen: Gerne können und sollen einige Teilwelten und ihre Figuren dabei gegen das Stereotyp erzählt werden.

Hilfreich ist die Methode der Teilwelten für mich als guter Startpunkt, um world-driven zu erzählen. Außerdem lassen sich verschiedene Mikrokosmen mit den dazugehörigen Figuren fokussiert und detailliert entwickeln, was wiederum zu einem facettenreichen Gesamtbild führt. Damit haben wir bereits einiges an world und character gesammelt, aber immer noch keinen Plot. Im vierten Schritt geht es also darum, aus der Welt heraus Ideen für Plots zu generieren.

Über Hierarchien und Rebellion zum Plot

Dabei hilft die Überlegung, wie die Teilwelten hierarchisiert sind, d.h. welchen jeweils unterschiedlichen Status sie in der Welt der Geschichte einnehmen. Bei manchen Charakteren lässt sich daraus automatisch ein Antrieb zur Systemveränderung ableiten:

Zum Beispiel wenn nur von der Chefärztin ausgewählte Mitarbeiter*innen im Trakt für Privatpatient*innen mit der weitaus besseren Personalverteilung arbeiten dürfen. Welche Haltung haben die verschiedenen Figuren, insbesondere Toni dazu, wie erfahren sie das und wie gehen sie damit um?

Durch das Bedürfnis zur Grenzüberschreitung entsteht Bewegung und es formt sich eine Geschichte.

Allgemeiner gefasst und auf viele Geschichten bezogen: Wie finden die Figuren das Leben in ihrem Mikrokosmos mit Blick auf die Nachbarwelt? Welches Ziel könnten sie ins Auge fassen? Welche innere Entwicklung würde ihnen helfen? Welchen Weg zur Selbstermächtigung geht Toni?

Durch das Bedürfnis zur Grenzüberschreitung entsteht Bewegung und es formt sich eine Geschichte. Manche Figuren beginnen zu rebellieren, so wie die Oberschwester. Manche ignorieren die Grenzen ihrer Teilwelt, manche starten vorsichtige Reformen oder wollen im Gegenteil unbedingt an der bestehenden Ordnung festhalten.

Das könnte überraschenderweise der junge Pfleger Luis im Treppenhaus sein, der in die Kollegin, die ihn tröstet, verliebt ist. Der die Treffen heimlich genießt, der konfliktscheu ist und den Kampf bezüglich der Pflegesituation nur scheinbar mitträgt.

Und dann entsteht aus jeder Teilwelt heraus ein Ansatz für einen Plot. Und auch das Setting wird in seiner Spannung und mit seinen Schichten langsam zu einer vielgestaltigen Welt. Damit wären wir am Ende unseres Gedankenexperimentes über den Pflegenotstand in einem Krankenhaus. Allerdings haben wir bis hierhin nur ein Setting genutzt.

Es gibt noch eine andere Herangehensweise, um vielschichtige Welten mit mehreren Teilen zu entwickeln: Durch die Kombination von zwei unterschiedlichen Settings entstehen neue und originelle Konzepte (siehe auch die Idee der „Special Sauce“ in: Howard, Houston: You’re Gonna Need a Bigger Story, One 3 Creative 2017).

Die World-Clash-Geschichte

Beginnen wir diesmal ganz anders, mit einer Frage: In welche für ihn bis dato unvorstellbare Gegenwelt könnte ein braver Chemielehrer wie Walter White geraten, der mit seiner Familie in bescheidenen Verhältnissen lebt? Was wäre der krasseste Gegenpol für einen allzu angepassten Mann, der eine Reise der Selbstermächtigung durchlebt? Möglicherweise die Welt der Chrystal-Meth-Produktion im großen Stil und der damit verbundenen Kriminalität. (BREAKING BAD, USA 2008-2013) Die Serie erzählt von zwei Settings, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Der starke Grundkonflikt entsteht durch den größtmöglichen Clash.

Ein ähnlicher Dualismus steckt in der Kombination einer amerikanischen Kleinstadt mit einer Horror-Unterwelt (STRANGER THINGS, USA seit 2016).

Worauf es ankommt: Die beiden Welten sind vereint im Kontrast. Es entsteht ein Spannungsfeld. Der/die Protagonist*in pendelt hin- und her, ringt mit alten Gewohnheiten und Vorstellungen, mit den Verlockungen oder dem Schrecken des Neuen. Er oder sie gerät in einen inneren, in viele zwischenmenschliche und genauso äußere Konflikte.

Das klingt super zeitgemäß, ist aber keine neue Idee: Ein zentrales Prinzip der Heldenreise ist die grundsätzliche Zweiteilung der Welt in einen alten, gewohnten und in einen neuen Teil voller Abenteuer. Zwischen beiden Teilen besteht der größtmögliche Kontrast. Zum einen in Bezug auf Äußerlichkeiten, aber auch als Verkörperung dahinterstehender Urbilder: eines schnöden Alltags versus einer metaphorischen Reise in die Transzendenz.

Doch dem Modell der Heldenreise geht es vor allem um die Entwicklung eines Held*en, weniger um ein Worldbuilding, wie es aktuell für viele Serien mit ambivalenten Charakteren und horizontalen Plots sinnvoll ist. Allerdings lässt sich daraus der Gedanke schöpfen, bewusst nach neuen Kombinationsmöglichkeiten von Settings zu suchen – gerne hell versus dunkel oder real versus fantastisch, Drama versus Genre. Das hilft, um Welten zu entwickeln, die in ihrer Kombination überraschen, nicht nur, weil sie neu sind, sondern auch, weil sie eine unauflösbare Spannung für viele Episoden, mehrere Staffeln oder Sequels in sich tragen.

Zum Schluss erlaube ich mir, noch einmal auf das Krankenhaus zurückzukommen und zum Weiterdenken einen Clash anzuregen: Wie wäre es mit einem Krankenhaus, das von der Mafia…